Politisches Fingerspitzengefühl in Myanmar

Prof. Dr. med. Philippe Schucht, Stellvertretender Chefarzt und Leiter Neuroonkologie

Vor elf Jahren reiste Philippe Schucht mit einer Vision nach Myanmar (ehemals Burma): Er wollte die medizinische Versorgung im bitterarmen Land nachhaltig verbessern und damit den Menschen helfen.

Mit einem Bruttoinlandprodukt von 1269 Euro pro Kopf (2016) gehört Myanmar zu den ärmsten Ländern der Welt. Dies widerspiegelt sich auch in den Kapazitäten des Gesundheitssystems: Die medizinische Versorgungssituation in Myanmar war und ist defizitär. Als sich Philippe Schucht 2011 in Rangun, der grössten Stadt Myanmars, ein Bild von der Situation machte, bemerkte er schnell, dass dem Land Spezialistinnen und Spezialisten fehlten, die die Bevölkerung medizinisch versorgten. In Myanmar gab es vor elf Jahren zehn Chirurgen für die Neurochirurgie, von denen vier eine formale neurochirurgische Ausbildung genossen hatten – dies bei einer Bevölkerung von über 50 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Bezüglich des Gesundheitssystems lag Myanmar weltweit auf Platz 184 von insgesamt 185. Die Folgen: Oft blieben neurologische Erkrankungen wie ein Hydrozephalus oder eine Meningozele, eine Ausstülpung des Hirnlappens, unbehandelt. Häufig mit tödlichen Folgen.

Courageous young man

Philippe Schuchts erster Einsatz 2011: Beim Patienten handelte es sich um ein hochrangiges Mitglied der Regierung. Es war klar, dass Philippe Schucht bei intraoperativen Komplikationen verantwortlich gemacht würde. Die Operation war also ein riskantes Unterfangen im damals noch weitgehend vom Militär kontrollierten Land. Im Operationssaal warteten für einmal keine Hightechgeräte auf ihn, sondern eine konventionelle Grubenlampe für den Kopf und jahrzehntealte Instrumente für den Eingriff. Die Operation verlief komplikationslos, das Regierungsmitglied meinte später zu seinem Operateur: «You are a very courageous young man.» Der Grundstein war gelegt; der Gedanke, die medizinische Versorgung in Myanmar nachhaltig zu verbessern, hatte sich verankert.

Nachhaltig handeln, um etwas zu bewegen

Im gleichen Jahr gründete Philippe Schucht die Organisation Swiss Neurosurgeons International (SNI) mit dem Ziel, durch die kontinuierliche Unterstützung und Ausbildung des medizinischen Personals in Myanmar die medizinische Versorgung wesentlich zu verbessern. Jedes Jahr reist ein Team von SNI-Neurochirurginnen und -chirurgen aus der Schweiz nach Myanmar, um den medizinischen Nachwuchs auszubilden, chirurgische Schulungen durchzuführen und die lokalen Ärzte bei kritischen chirurgischen Fällen zu unterstützen. Zudem kommen sämtliche burmesischen Neurochirurgen als Stipendiaten ins Inselspital nach Bern, um ihr Wissen zu erweitern und mit den neusten technologischen Entwicklungen der Neurochirurgie in Kontakt zu kommen.

Das ist nachhaltig: Jeder Neurochirurg, der in Myanmar mitausgebildet wurde, kann jedes Jahr hunderte von Patientinnen und Patienten operieren und betreuen.

Innerhalb von zehn Jahren sollen in Myanmar insgesamt 60 voll ausgebildete Neurochirurginnen und -chirurgen tätig sein. Heute sind es deren 49, diese bilden wiederum selber Nachwuchs aus.

Dieses Vorhaben gelingt nur als Team: Dank der ehemaligen Insel-Mitarbeiterin und Mitbegründerin des Projekts, Dr. med. Dominique Kuhlen, ist auch das Kantonsspital Lugano involviert. Und mit Dr. med. Irena Zubak und Dr. med. Mandy Müller haben zwei junge Neurochirurginnen des Inselspitals das Projekt begleitet, die burmesischen Neurochirurgen in Yangon während mehreren Monaten unterstützt und Fortbildungskurse im Land organisiert. Ihr Engagement dauert bis heute an. 

Erfolg mit Herausforderungen

Das Engagement von Philippe Schucht und seinen Kolleginnen und Kollegen hat zahlreichen Menschen in Myanmar das Leben gerettet. Behandelbare neurologische Krankheiten waren für viele kein Todesurteil mehr. Nichtsdestotrotz steht das Netzwerk Swiss Neurosurgeons International vor Herausforderungen, hat doch das Wachstum der neurochirurgischen Gemeinschaft in Myanmar Implikationen: Die steigende Anzahl an Assistenzärztinnen und -ärzten und das Bedürfnis nach weiteren Ausbildungsplätzen machen neue Partnerschaften notwendig. Es braucht ein Zusammenspiel mit den staatlichen Stellen, um zu gewährleisten, dass neue Neurochirurginnen und -chirurgen die erforderlichen Ressourcen für ihre Tätigkeiten erhalten.